Was ist eigentlich Freundschaft?
Freundschaft scheint mir vor allem erstmal ein Gefühl, irgendwie auch eine Einstellung bzw. Haltung gegenüber jemand anderem zu sein. Ich hatte dazu kürzlich ein recht interessantes Gespräch, wo der übereinstimmende Teil für Bedingungen, die man an Freunde stellt, in etwa darauf hinaus lief, dass Freunde Menschen sind, die:
- auf deren Hilfe in Notsituationen man sich verlassen kann
- mit denen man Dinge tun kann, die man mit keinem nicht-Freund tun kann
- denen man vertraut
Mir reicht das allerdings so nicht, denn:
- Wie häufig ist man wirklich in Notsituationen, damit alle mehrfach die Chance bekommen, sich zu beweisen?
- Das zweite Kriterium trifft streng genommen auf fast jeden zu
- der Vertrauenspunkt ist einer der wichtigsten, aber mir so dann auch nicht ausreichend
Direkte Differenzen gab es dann darüber, ob man voraussetzen darf, dass man aufeinander eingeht; so meinte mein Gegenüber, dass wenn die 3 Punkte erfüllt seien, man den anderen so akzeptieren könne (und wohl müsse), wie er ist. Ich sehe das ein wenig anders, man sollte ein Stück aufeinander zugehen und von sich aus Dinge, die der Freund hasst, vermeiden (und vielleicht auch mal Dinge tun, die er mag). Ist da auf einer Seite keine Anstrengung zu sehen, so muss man m.E. auch den anderen nicht nehmen, wie er ist. Aber das sind unterschiedliche Prioritätensetzungen, die ich respektiere, im Folgenden wird daher eher auf meine Definitionen, Ansprüche und Ansichten eingegangen, als auf eine allgemeingültige Beschreibung.
Die Wikipedia weiß zur Freundschaft folgendes zu sagen:
“Freundschaft bezeichnet eine positive Beziehung und Empfindung zwischen Menschen, die sich als Sympathie und Vertrauen zwischen ihnen zeigt. [...]. In einer Freundschaft schätzen und mögen die befreundeten Menschen einander. Freundschaft beruht auf Zuneigung, Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung.”
Daraus zielen “Sympathie”, “mögen einander” und “Zuneigung” so ziemlich auf den gleichen, wichtigen Punkt ab. Das bedeutet aber auch, dass manche Menschen keine Chance auf eine Freundschaft miteinander haben, egal wie viel Mühe sie sich geben, wenn keine Grundsympathie besteht.
Weiter steht im Wikipedia-Artikel auch noch folgendes:
“Eine Freundschaft wird „geschlossen“, geht sie einem Ende zu, so „erkaltet“ sie.”
Tatsächlich ist es mittlerweile ziemlich selten, dass Freundschaften explizit geschlossen werden. (Anm.: Facebook-Freunde, Chat-Buddys etc. haben nicht umsonst einen – m.E. einschränkenden – Vorsatz vor dem Freundesbegriff)
Das hat dummerweise den Nachteil, dass Freundschaft als Gefühl nicht mehr zwingend beidseitig ist. Außerdem kann man schwierig einschätzen, was das Gegenüber wirklich denkt, was nur Höflichkeit und was dagegen ehrliche Sympathie ist.
Als Informatiker und Programmierer hätte ich allerdings gerne feste Kriterien für Freundschaften, gute Bekanntschaften (und zur Abgrenzung vielleicht ergänzend Beziehungen, für die in der deutschen Sprache äußerst lästig ebenfalls das Wort Freund/Freundin benutzt wird, im Gegensatz zu boyfriend/girlfriend im Englischen). Dass Gefühle sich nicht 100%-ig formalisieren lassen, ist bekannt (und irgendwie auch beruhigend!), dennoch hier mal ein Versuch meiner persönlichen Kriterien:
gute Bekanntschaft:
- neutrale oder positive Haltung
- im Schnitt wenigstens 1x im Monat was zusammen unternehmen
Freundschaft:
- recht hohe, positive Sympathie
- in Notsituationen zuverlässig helfen
- Vertrauen: 100% der explizit oder durch das Thema (z.B. Finanzen, intimes) implizit als “niemandem sagen” deklarierten Sachen wurden nicht weitergegeben;
> 90% der Sachen, wo das vielleicht nicht so klar ist, wurden nicht weitergetragen. Einfach keine Geheimnisse / Dinge die unter die erste Kategorie fallen auszutauschen reicht ebenfalls nicht, das ist im Gegenteil ein Zeichen von Misstrauen (wobei man bestimmte Dinge ruhig für sich behalten sollte – eben nur nicht alles).
- Zuverlässigkeit: >95% der versprochenen Termine, Besorgungen etc. werden eingehalten,
>80% der als “wahrscheinlich ja” angegebenen Zusagen, sowie wenigstens 40% bei “vielleicht” (das bei guten Bekanntschaften auch als höfliche Form des “nein” verwendet werden kann, bei Freunden aber unangebracht ist). Einfach keine Zusagen zu machen, ist im übrigen nicht ausreichend, somit können auch 100% im Einzelfall nicht genug sein (wenn immer nur “nein” kommt), auch wenn man damit zumindest besser planen kann.
- In normalen Wochen wenigstens ein Mal etwas zusammen unternehmen, am besten etwas, das ohne den Freund nicht stattfinden würde oder wo zumindest deutlich wird, dass beide den anderen sehr gerne dabeihaben möchten. Damit ist notwendigerweise keine Kaffee- oder Mittagspause gemeint, sondern eine extra Anreise / Gastgeberschaft. Durch den Begriff “normale Wochen” sind 2-wöchige Urlaube, beruflich mittelfristige Einsätze an anderen Orten etc. explizit ausgenommen. Wenn zumutbar (eben z.B. bei beruflich bedingter räumlicher Trennung) sollte in diesen Fällen Fernkommunikation, z.B. textuell verwendet werden.
- Wird ein Punkt knapp verfehlt, ein anderer aber übererfüllt, kann(!) es trotzdem für eine Freundschaft reichen. Unerwartete “Vertrauensvorschüsse”, die man selbst nicht zu geben bereit gewesen wäre, können die restlichen Kriterien z.B. etwas lockern.
Beziehungen:
- Küsse, Sex, etc. haben in Freundschaften nichts zu suchen, die sollten Beziehungen vorbehalten bleiben (Obschon das in der Realität mitunter auch bei einander unbekannten Menschen ohne jegliche Beziehungsambition vorkommen soll, mit Freundschaft hat das dennoch nichts am Hut.).
- konsequent nicht lügen (bei Freundschaften auch gewünscht, aber zum Schutze anderer Freundschaften sowie für Höflichkeitsnotlügen dort manchmal unvermeidlich); Das heißt nicht, dass dabei mit brachialstmöglicher Ausdrucksgewalt das Missfallen bestimmter Kleidungsstücke zum Ausdruck gebracht werden soll, aber ein “ich mag das nicht so gern wie das andere” sollte doch erträglich sein; Insbesondere heißt es ebenfalls nicht, einander alles zu erzählen (würde auch Freundschaften wegen der Vertrauensklausel weitgehend unmöglich machen), wobei den anderen betreffende Dinge natürlich so weit wie möglich auch mitgeteilt werden müssen
Abschließend 2 Feststellungen:
Nach solchen Kriterien hat man notwendigerweise nicht viele Freunde.
Betrachtet man dann allerdings, für wieviele Leute man selbst noch die Freundschaftskriterien erfüllen kann, wird es ähnlich finster aussehen. Immerhin gibt es Überschneidungen.
Anm.: “Freund” wird hier meist als generisches Maskulinum verwendet.















